Hängung #13Hängung #13
Hängung #13

Hängung #13: ein Moment – ewig

25. Januar  - 27. September 2015

 

Die Themen der Ausstellungen im KUNSTWERK werden ausgehend von einem Werk oder einer Werkgruppe der Sammlung Alison und Peter W. Klein entwickelt. Bei der dreizehnten Hängung im KUNSTWERK ist der Titel "ein Moment – ewig" von dem Gemälde "Green Pale Light" des irisch-amerikanischen Künstlers Sean Scully inspiriert. Sein Werk gibt damit auch die Spur für die Auswahl der weiteren Exponate vor.

Das von der Landschaft Oberbayerns inspirierte Gemälde Sean Scullys lässt an eigene landschaftliche Eindrücke denken, die etwas Besonderes in sich tragen. Sie sind von begrenzter, oft nur kurzer Dauer. So verschwindet der Nebel über den Wiesen, sobald die Sonne höher steigt. Was man dann am liebsten festhalten möchte, sind nicht die Einzelheiten der Topografie, sondern ist der Klang des Ganzen, der sich mit einer persönlichen Stimmung verbindet. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zum Titel der Ausstellung "ein Moment – ewig". Mit ihm eröffnet sich ein Gedankenraum, der eine allgemein-menschliche Erfahrung beinhaltet, nämlich den Wunsch, dem Erleben eines besonderen Moments Dauer zu geben, in großen Augenblicken das Flüchtige und Vergängliche für immer festhalten zu können. Wer ins KUNSTWERK und in die Ausstellung kommt, bringt eine solche Erfahrung auf jeden Fall mit, weiß aber auch, dass sie sich nicht nur auf das Erleben von Natur, sondern auch auf Begegnungen mit Menschen bezieht. Entsprechend weitet sich die von Sean Scully gelegte Spur für die Auswahl der Arbeiten aus und führt auch zu figürlichen Werken der Sammlung.

In der Ausstellung reflektieren rund 50 Werke von 20 Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland, Österreich, Belgien, Großbritannien, Kanada und den USA in unterschiedlicher Weise außergewöhnliche Momente des Erlebens und geben ihnen im Bildhaften Dauer.

Ein Rundgang durch die Ausstellung:


Ebene 1
Momente existenzieller Tiefe: Sean Scully und Dieter Krieg

Sean Scully gehört international zu den wichtigsten abstrakten Malern der Gegenwart. Seit seiner Professur in München 2002-2007 arbeitet er nicht nur in seinen Ateliers in New York, London und Barcelona, sondern auch im oberbayerischen Mooseurach. Dort ist das Gemälde "Green Pale Light" entstanden. Es greift die Farbigkeit der landschaftlichen Umgebung auf, fängt aber zugleich im Zusammenklang der Farbe eine besondere, offenbar melancholische Stimmung ein.

Sean Scully verdichtet den momentanen Eindruck in essenzieller Weise, indem er ihn in pure Malerei übersetzt: in horizontal und vertikal angeordneten Farbflächen mit offenen Konturen, die im Klang der Farbe leise schwingen. Das Gemälde gehört zur Serie der "Wall of Light"-Bilder, hinter denen die Beobachtung von stets wechselnden Erscheinungen des Lichts auf einer Mauer steht. Die Anordnung der für Scullys Werk charakteristischen Farbflächen und –streifen bildet dagegen in den Radierungen andere Strukturen aus. In "Cut Ground Red" ist sie von der Gliederung unserer Kulturlandschaft geprägt. "Doric" ist inspiriert von der antiken Kultur Griechenlands.

In seinen Bildserien geht Sean Scully jeweils einer bestimmten künstlerischen Grundidee nach, vertieft sie, indem er sie differenziert. Er tut dies allerdings nicht im rein abstrakten Spiel der bildnerischen Möglichkeiten. Wie der Kunsthistoriker Armin Zweite es formuliert, geht es Scully vorrangig darum, mit Struktur, Kolorit und Farbauftrag das ungegenständliche Gefüge seiner Malerei emotional aufzuladen. Jedes Bild ist eng an eine persönliche Erfahrung, an eine emotionale Befindlichkeit gebunden.

Die existenzielle Tiefe, die in den Bildern von Sean Scully liegt, hat im Bestand der Sammlung eine Spur zu Dieter Krieg gelegt. Viele Jahre lang Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf, kennt man sein Werk vor allem durch großformatige Bilder mit kraftvollem Auftrag von (oft trivialen) bildlichen Motiven und Schrift. Die "Bilder für die Dämmerung" aus seiner letzten Lebensphase setzen sich im Verzicht auf die Farbe davon ab, ohne die obsessive Wucht des Arbeitens zu verlieren. Sie sind mit Kohle auf Papier gezeichnet, geschrieben und auf Leinwand geklebt, ins Format des Bildrahmens collagiert. Sie erscheinen wie ein radikales und kompromissloses Statement, das die Essenz des Lebenswerks zusammenfasst.

Ebene 2:

Jetzt! Akzente des Momentanen

Während sich das Miteinander von Sean Scully und Dieter Krieg im ersten Obergeschoss aus der Vergleichbarkeit der grundsätzlichen Haltung beider Künstler ergibt, breitet sich im 2. Obergeschoss ein Spektrum von Arbeiten aus, die mit dem Medium der Fotografie arbeiten oder in der Malerei von ihr ausgehen.

Edward Burtynskys Fotografie von jahrhundertealten Reisfeldern in China greift das Thema der vom Menschen gestalteten Kulturlandschaft nochmals auf, stellt ihre besondere Ästhetik aber auch ins Verhältnis zur Tragweite des menschlichen Eingriffs in die Natur.

Sehr atmosphärisch wirken die Arbeiten der Leipziger Künstlerin Christiane Baumgartner. Wie sie erzählt, habe sie das besondere Licht auf die sonderbare Szenerie eines Schiffsfriedhofs, die ihr am Fluss Medway begegnet sei, später so nie wiederfinden können. Ihrem Werk zur Seite gestellt ist ein Gemälde von Udo Nöger, das sich dem Phänomen des Lichts mit malerischen Mitteln zuwendet.

Verfallende Holzschuppen in der Landschaftseiner Heimat in North Carolina, gemalt wie verbleichende Fotografien mit zerstörten Oberflächen, bringen in der Malerei des jungen New Yorker Künstlers Damian Stamer gegensätzliche Pole wie Gegenwart und Vergangenheit zusammen.

Fotografische Notate flüchtiger, aber besonderer Begegnungen mit Menschen im Alltag und auf Reisen fließen in die vielschichtigen Bildräume von Eva Wagner ein, die an der Hauptwand des 2. Obergeschosses installativ angeordnet sind.

Andreas Gefeller bietet mit einem scheinbaren Blick aus der Vogelperspektive eine zugleich dokumentarische wie fiktionale Sicht auf ein New Yorker Flachdach voller Graffitis.

Die Illusion und die Vorstellung des „einen Moments“ in der Fotografie hebt schließlich Paul Graham in seiner Street Photography auf, indem er der dreiteiligen Bildsequenz eine besondere Choreografie des Alltags unterlegt.

Die zeitliche Ausdehnung eines vermeintlichen Moments wird schließlich in den Fotografien von Annette Kelm offenbar.

 

Ebene 3:


Über die Wirklichkeit hinaus

Das "Sommerbild 16" von Erdmut Bramke eröffnet im 3. Obergeschoss den Rundgang, der mit dem Untertitel "Über die Wirklichkeit hinaus" überschrieben ist. Mit gestischer Pinselschrift, Schicht für Schicht das Geflecht von Strichen verdichtend, bringt Erdmut Bramke den Farbraum ins Flirren und überführt damit einen landschaftlichen Eindruck in eine über die Wirklichkeit hinausgehende, bildnerische Grundidee.

Die Fotografien von Thomas Weinberger überhöhen die Wirklichkeit geradezu, indem er Nacht- und Tagaufnahmen identischer Stadtansichten synthetisierend vereint.

 

Die Ausstellung schließt mit Fotoarbeiten von Sean Scully, die wiederum Motive und Momente mit dem Auge des Malers festzuhalten suchen: Verschläge und Wellblechschuppen der schottischen Isle of Lewis and Harris oder die Schichtung von Strand, Meer und Himmel in der Fotoserie "Landline", die er im Gemälde "Landline Green White" in weit in den Raum hineinklingende Malerei übersetzt.