Hängung #14Hängung #15
Hängung #14

Hängung #14: NEUE BILDER Malerei der Aborigines

18. Oktober 2015  - 05. Juni 2016

Tupfen. Streifen. Bänder. Und immer wieder Kreise, die verschiedene Zentren im Bildganzen ausweisen. Organische Flächen und Linien, aber auch grafische Muster, in farbstarken Kontrasten oder in harmonischen Farbklängen gesetzt. Die Malerei der australischen Ureinwohner können wir zunächst nur mit abstrakten Begriffen beschreiben. Und dennoch ist ihre Kunst nicht gegenstandslos. Sie zeugt von einer alten Kultur, die bildnerische Chiffren für die Interpretation der realen Welt herausgebildet hat.

Ursprünglich in Riten und Zeremonien eingebunden, findet die Malerei der Aborigines seit den 1970er Jahren, in veränderter Form und mit Farbe auf Leinwand gebracht, weltweite Aufmerksamkeit. Sie fasziniert die Menschen. So auch Alison und Peter W. Klein, die seit mehr als zehn Jahren Kunst aus Australien sammeln. Inzwischen gehört der Werkkomplex in Nussdorf zu den wichtigsten Sammlungen von Aborigine-Kunst in Europa.

In der Ausstellung "Neue Bilder" werden im KUNSTWERK vorwiegend Arbeiten präsentiert, die in den letzten vier Jahren in die Sammlung gekommen sind. Der Titel bezieht sich dabei nicht nur auf den Zeitraum der Ankäufe. Er verweist zugleich darauf, dass die heute entstehenden Bilder Teil einer lebendigen Tradition sind, die trotz inhaltlicher Gebundenheit neue Erscheinungsweisen hervorbringt.

Die Aborigines haben Australien vor mehr als 50.000 Jahren besiedelt und eine Vielzahl von Sprachgruppen herausgebildet. Alle lebten als Jäger und Sammler. Sie teilten die Grundzüge eines Weltbildes, das Mensch und Natur auf dieselben Ursprünge zurückführte, nämlich auf schöpferische Kräfte, die im Land selbst angelegt waren. Dieses Land durch verantwortliches Alltagshandeln zu schützen und seine Kräfte durch Zeremonien wirksam werden zu lassen, liegt bis heute in der Verantwortung der Aborigines.

Künstlerische Ausdrucksformen waren wesentlicher Teil des traditionellen Lebens. Sie sind bis heute überliefert in Form von Felsbildern und Petroglyphen, waren aber zum großen Teil – als rituell geschaffene Bodenbilder, als Körperbemalung oder Tanzaufsätze – äußerst vergänglich. Da viele Traditionen heilig und geheim waren, blieben sie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts den europäisch-amerikanischen Neueinwanderern weitgehend unbekannt.

Die Verwendung von Industriefarben und modernen, mobilen Malgründen geht auf das Jahr 1972 zurück, als rituelle Spezialisten in Papunya begannen, Teile ihrer besonderen Tradition in neue Bildformate umzusetzen. Grundthema war und ist das Land, dessen spezifische Gestalt – Bergzüge, Seen, Wasserlöcher oder Bäume – auf schöpferische Wesen zurückgeht. Bis heute kann und muss an diesen Orten die schöpferische Kraft für die Jetztzeit aktiviert werden.

Den Künstlern ist bis heute die richtige – wahrhaftige – Umsetzung ihrer jeweils spezifischen Traditionen wichtiger als ästhetische Kriterien. Dies hindert sie aber nicht, mit unterschiedlichen bildnerischen Möglichkeiten zu experimentieren und neue Wege zu beschreiten. Die internationale Beachtung ihrer Kunst zeigt, dass sie damit eine Kommunikationsform geschaffen haben, die ihrer Kultur und ihren Traditionen die Anerkennung sichert, die ihnen im kolonialen Australien so lange verwehrt wurde.

Viele Künstler leben heute in sogenannten Homelands. Das sind Gemeinschaften von Aborigines, die auf dem ihnen zugesprochenen Land in der Nähe ihrer heiligen Orte siedeln, für die sie Verantwortung übernehmen. Bei Gerichtsverfahren über einheimische Landtitel hatte die zunehmende Wahrnehmung der künstlerischen Umsetzung von lokalen Traditionen große Bedeutung.

Ein Rundgang durch die Ausstellung:

In der Ausstellung "NEUE BILDER Malerei der Aborigines" präsentiert das KUNSTWERK – Sammlung Alison und Peter W. Klein zumeist Arbeiten aus Zentralaustralien. Zwei Exkurse führen zu den Mornington Islands und in die Region Kimberley im Norden von Queensland bzw. Westaustralien.

Auf der Ebene 1 im KUNSTWERK sind Arbeiten versammelt, die in ihrer gestalterischen Ausprägung auf die Anfänge der Aborigine-Malerei in den 1970er Jahren verweisen. Das gilt für die Gemälde von Ngipi Ward (Patjarr, Kayili Artists) und Kanta Kathleen Donnegan (Tjuntuntjara, Spinifex Art Projects). Die 2013 und 2014 entstandenen Arbeiten zeigen die schon in den 1970er Jahren angelegte Bandbreite zwischen umfassender "Dokumentation" einer Region mit ihren heiligen Orten und dem Blick auf das lokal Spezifische und seine jahreszeitlich bedingten Veränderungen.

Zu den Künstlern, die sich von Papunya ausgehend in Kiwirkurra und Kintore niedergelassen haben und dort tätig sind, gehören Patrick Tjungurray, George Yapa Tjangala, Ronny Tjampitjinpa , Ray James Tjangala und Josepf Jurra Tjapaltjarri. Ihre Bilder sind im 1. Obergeschoss und im Eingangsbereich zum 2. Obergeschoss zu sehen. Die Auswahl widmet sich fast ausnahmslos dem großen Thema des tingari-Zyklus, der von der Schöpfung des Landes und den Wanderungen der tingari-Männer und ihren Novizen erzählt, gefolgt von den tingari-Frauen und Kindern.

 

Ein großer Teil der Arbeiten auf Ebene 2 wurden von Frauen gemalt. Oft beziehen sie sich auf spezifisch weibliche Bild- und Ritualtraditionen, zu denen auch Vermehrungsriten gehören, greifen aber auch spezifische Formen der Körperbemalung auf oder beziehen sich auf Tänze, die mit heiligen Orten verbunden sind.

Aus Amata, dem Art Center "Tjala Arts" stammen Bilder von Sylvia Ken und Barbara Moore sowie eine Gemeinschaftsarbeit der Schwestern Yaritji Young, Tjungkara Ken, Freda Brady, Sandra Ken und Marinka Tunkin.
Das Gemälde von Silvia Ken hat die Geschichte der "Sieben Schwestern" zum Inhalt, die in vielen Frauentänzen dargestellt und mit dem Siebengestirn der Plejaden assoziiert wird. Während ihre Arbeit typische Charaktere des "Dot-Painting" aufweist, setzt sich Barbara Moore davon ab: Sie malt "My Country", das heißt die besonderen Aspekte ihres Landes mit kraftvollen, gestischen Pinselstrichen. Die Gemeinschaftsarbeit thematisiert das tjukurrpa der Honigameise.

Auch die Arbeiten von Ngupulya Pumani und Tuppy Ngintja Goodwin, die beide in Myillili im Art Center Mimili Maku Arts tätig sind, beziehen sich auf das tjukurrpa eines für die nomadisch lebenden Aborigines wichtigen Nahrungsmittels: die Wichetty-Larve. Während Tuppy Goodwin auch die weitere Umgebung um den Zeremonialort Antara zeigt, bezieht Ngupulya Pumani die Frauen, deren Tänze die Vermehrung der Larven fördern, in ihre Gestaltung mit ein: dargestellt in Form von Halbkreisen, die dem Flirren der Tupfen unterlegt sind.

Neben zwei Gemälden der inzwischen legendären Emily Kame Kngwarreye aus Utopia zeigen vor allem die Bilder von Sally Gabori und May Moodoonuthi einen ganz eigenen Stil. Beide gehören zu einer Senioren-Malgruppe auf den Mornington-Islands im Norden Australiens. Sie kamen wie Emily Kame Kngwarreye erst in höherem Alter mit Leinwand und Farben in Berührung und sprengten unsere Vorstellung vom Charakter der Aborigine-Malerei. Sie arbeiten mit kräftigen Pinselstrichen und starken Farben: May Moodoonuthi in Bezug auf traditionelle Körpermalerei und Trauernarben, Sally Gabori in Erinnerung an die Insel ihrer Kindheit, die sie mit Farbschichtungen und großem Gestus in Malerei übersetzt.

Gegenüber den stark farbigen Gemälden setzt eine Reihe von Werken einen eigenen Akzent in der Ausstellung: Sie haben grafischen Charakter. Ihre Wirkung ist durch den Schwarz-Weiß-Kontrast geprägt. Durch Linien, exakte Punktierung oder Strukturen des Farbauftrags können die Bilder - wiederum von Männern gemalt und auf den tingari-Zyklus bezogen - landschaftlich Charakteristika oder Bewegung vermitteln.

Farblich ähnlich reduziert wirken einige Arbeiten auf der Ebene 2, die aus den im Norden von Westaustralien gelegenen Kimberleys kommen. Der verstorbene Rover Thomas und die noch aktiven Künstlerinnen und Künstler von Warmun mischen ihre Farben aus lokalem Ocker, Holzkohle und Pfeifenton selbst an. Die sonst häufig verwendeten Punkte sind in ihren Arbeiten nur sparsam zur Abgrenzung von Flächen eingesetzt. Auch ihr Thema ist das Land, seine Kraft, seine "Knochen", oft verbunden mit persönlichen, emotionalen Erfahrungen oder mit historischen Ereignissen, die in den Werken mitschwingen, aber nur selten offengelegt werden.

Mit der aktuellen Auswahl von Werken will die Ausstellung die Lebendigkeit in der Entwicklung der Aborigine-Malerei vor Augen führen. Die Künstlerinnen und Künstler begnügen sich nicht damit, lokal entstandene Maltraditionen lediglich zu reproduzieren. Mehr denn je stehen sie im Austausch miteinander und mit städtischen Zentren und sind gefordert, aus ihren Überlieferungen, ihrem Bild- und Hörgedächtnis und aus äußeren Anregungen je eigene Ausdrucksformen zu entwickeln.

Zur aktuellen Ausstellung erschien ein Katalog "Hängung #14 – NEUE BILDER Malerei der Aborigines" mit einem Text der Kuratorin Dr. Ingrid Heermann, Stuttgart.
60 Seiten. 8,00 EUR.