Hängung #15Hängung #15
Hängung #15

Hängung #15: über die Linie hinaus
19. Juni  - 23. Dezember 2016

Im Sport wird das Spielfeld durch die Linie definiert. Im gesellschaftlichen Leben geben Konventionen als Richtlinien den Rahmen unseres Handelns vor. Über die Linie hinaus zu gehen bedeutet, Grenzen zu überschreiten und unerlaubtes, aber auch ungewohntes oder neues Terrain zu betreten. 

Den Impuls für das Thema der Hängung #15 haben Bilder von Markus Oehlen gegeben, die mit grafischen Elementen das klassische Feld der Malerei erweitern. Von hier aus hat der Weg zu Arbeiten mit Linien und linearen Strukturen geführt, die gerade nicht der Zeichnung im engeren Sinne zuzuordnen sind. In Papierschnitten von Katharina Hinsberg, in Gemälden von Enrico Bach, Bildobjekten von Manuel Knapp sowie in Wand- und Rauminstallationen von Anna Ingerfurth und Christl Mudrak geht die Linie über die Gebundenheit an die Fläche hinaus und wird Teil raumhaltiger Werkkonzepte. Offene Gedankenräume bieten die zeichnerischen Notate von Jorinde Voigt. Die Linolschnitte von Georges Wenger spielen mit einer landschaftlich-gegenständlichen und abstrakten Sehweise. Von hier aus geht ein Bogen zur Videoarbeit von Heidi Grandy, die mit den Lichtreflexen lackierter Äste vor schwarzem Grund arbeitet.

Ein Rundgang durch die Ausstellung


Ebene 1 und Treppenhaus Anna Ingerfurth, Enrico Bach und Heidi Grandy

In den Arbeiten auf der Ebene 1 und im Treppenhaus übernehmen lineare Elemente die Funktion, den Bildraum zu definieren, ihn zu öffnen oder zu schließen. Der Wandinstallation von Anna Ingerfurth liegt eine lineare Konstruktion zugrunde, die mit farbigen, rautenförmigen Platten ausgefüllt ist und den Eindruck einer schräg im Raum stehenden Fläche erzeugt. Schattenrisse menschlicher Figuren geben dem abstrakten Gefüge den Charakter eines surrealen Handlungsraums. Das ortsspezifisch ausgeführte Konzept beruht auf kleinformatigen Werken, die im zweiten Geschoss des Treppenhauses zu sehen sind.

Linien, Bänder und Flächen prägen als bildnerische Elemente die Malerei von Enrico Bach. Das in Grün- und Grautönen ausgeführte Gemälde "Ohne Titel" führt den Blick mit widersprüchlichen Perspektiven in die Bildtiefe. Dagegen schließen in den Werken der Serie "Randgruppe" schwarze oder silberfarbene, linear strukturierte Flächen den Bildvordergrund ab. Nur an den farbig gestalteten Rändern geben die Arbeiten den Blick frei auf tiefer liegende Schichten.

Heidi Grandy arbeitet in ihrem Video „Taming Trees“ mit Lichtreflexen lackierter Äste vor schwarzem Hintergrund. Dabei entstehen durch teils erkennbare Eingriffe der Künstlerin verschiedene Abläufe organisch-linearer Konstellationen. Sie unterscheiden sich in den drei Abschnitten des Films im Hinblick auf Geschwindigkeit und Raumtiefe.

Ebene 2 | Markus Oehlen, Christl Mudrak und Georges Wenger

Die Werke von Markus Oehlen führen zu einem in wörtlichem Sinn grundlegenden Aspekt der Ausstellung. Bereits in seinen Arbeiten der 1980er Jahre binden sich Linien mit nahezu materieller Qualität in die malerischen Strukturen und Flächen ein. Das grafische Element wird dabei vom Künstler eingesetzt, um die Malerei zu erweitern. In den neueren Werken der Ausstellung aus dem letzten Jahrzehnt verdichten sich plastisch-gegenständliche Motive und lineare Strukturen zu einem optisch kaum mehr auflösbaren Gewebe bildnerischer Schichtungen.

Die Möglichkeit, das Flirren und Flimmern in den Bildern von Markus Oehlen mit Abstand oder aus der Nähe zu betrachten, hebt sich in der Installation von Christl Mudrak auf. Nachdem man den von ihr gestalteten Raum betritt, erlebt man dessen Wirkung in völliger Distanzlosigkeit. Schwarze, spiralförmig über weiße Flächen und Gegenstände gezogene Linien heben die räumliche Orientierung auf und nehmen unmittelbar Einfluss auf die physische und psychische Erfahrung.

Die Linolschnitte von Georges Wenger beinhalten landschaftliche Referenzen. Mit feinem, von Schnee bedecktem Geäst zeigen sie Einblicke in winterliche Waldstücke. Das Geflecht von schwarz-weißen Lineaturen und Flächen hebt die Bilder jedoch zugleich vom Landschaftlichen ab. Der Blick wechselt zwischen gegenständlicher und ungegenständlicher Sehweise.

Ebene 3 und Treppenhaus Katharina Hinsberg und Jorinde Voigt

Die Werke von Katharina Hinsberg werden durch feine Linien charakterisiert, die die Künstlerin im Papierschnitt freistellt oder entfernt. Sie beginnt ihre Arbeit meist mit einer linearen Zeichnung und bearbeitet diese anschließend mit dem Skalpell. Akribisch führt sie die Klinge an den Konturen der Linien entlang und löst die Linien selbst oder die Zwischenräume aus dem Papier heraus. Indem sie die an die Fläche gebundenen bildnerischen Elemente in räumliche Konstellationen überführt, hebt sie den elementarsten Aspekt der Zeichnung auf.


Auf Ebene 2 und 3 werden zudem Arbeiten von Jorinde Voigt präsentiert, die in gleichermaßen nachvollziehenden wie vordenkenden Arbeitsprozessen entstehen. Sie übersetzt ihr Wahrnehmen, Erleben und Denken in bildnerische Gefüge aus malerischen Elementen, reflektierenden Materialien, Schrift und grafischen Zeichen, die an Tanznotationen oder Partituren erinnern.

Ebene 0 | Manuel Knapp

In seinen Bildobjekten spannt Manuel Knapp mit parallel verlaufenden Fäden farbige, konstruktive Flächen in dreidimensionale Rahmen ein. Sie durchziehen in systematischer Weise den Bildkörper und überlagern sich. Beim Betrachten vermag das Auge jedoch kaum deren Anordnung zu verfolgen. Die Wahrnehmung des linearen und zugleich dreidimensionalen Gefüges gerät somit in Widerstreit zu seiner Flächenprojektion.


Zur aktuellen Ausstellung erschien der Katalog Hängung #15 – über die Linie hinaus mit einem Text von Sammlungsleiterin Valeria Waibel.
44 Seiten, 5 Euro.

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