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#RUNDGANG

Ebene 1 | NINA RÖDER

Michelin Kober

1968 geboren in Herrenberg, lebt in Stuttgart

Linie für Linie zieht Michelin Kober schmale Tuschebahnen, freihändig, und doch nicht mit freier Hand, denn die spontane Geste bleibt ihr fremd. Langsam legt sich von links nach rechts oder von oben nach unten eine gerade Spur verdünnter Tusche auf das Blatt. Die nächste folgt ihr, verbindet sich mit ihr, indem sie – nass in nass, über einen nur zarten Trockenrand hinweg – die feinen Partikel des Pigments in sich aufnimmt. Viele weitere schließen sich an und bewegen sich, die Fläche füllend, auf einen dünnen Streifen unbehandelten Papiers zu.
Schicht für Schicht, im immer gleichen Procedere aufgetragen, verdichtet sich die Farbe zu einem gesättigten Ton von unfassbarer Tiefe, wird jedoch heller, zunehmend transparent und luzide in der Nähe der blattweißen Aussparung. Es scheint, als wollten die Linien all die Ruhe und Konzentration, all die Energie und die Zeit, die in ihnen liegt, hineingeben in das geheimnisvolle Leuchten eines Lichts inmitten von ihnen.

Michelin Kober, HORIZON - green middle, 2018, Tusche auf Büttenpapier, ca. 120 x 144 cm, gerahmt, ©Michelin Kober, Courtesy Galerie Valentien, Stuttgart
Michelin Kober, horizon (quer I), 2013, Tusche auf Papier, 31,5 x 41,5 cm, ©Michelin Kober, Courtesy Galerie Valentien, Stuttgart
Michelin Kober, horizon (crossing 2), 2014, Tusche auf Papier, 31,5 x 41,5 cm, ©Michelin Kober, Courtesy Galerie Valentien, Stuttgart

Thomas Müller

1959 geboren in Frankfurt a.M., lebt in Stuttgart

Welche der Linien war die erste auf dem noch leeren Blatt, die erste Setzung, der andere folgten? Man weiß es nicht. Man geht, irgendwo beginnend, mit dem Blick dem Verlauf einer Linie nach, erkennt in ihrem Schwingen eine gewisse Melodie, sieht wann und wie stark sie die Richtung verändert. Man beobachtet, wie eine Linie auf die andere zuläuft, deutlich Abstand hält oder sich ihnen mal in stumpfen oder spitzen Winkeln annähert. Mitunter überschneiden sie sich dann oder begleiten einander auch für eine Weile, wenn sie nebeneinander und doch nicht parallel ihre Spuren ziehen. Einige treten unter korrigierendem Weiß zurück. Bei anderen dringt das Öl der Farbe ins Blatt. 
Nach und nach verändert sich der Blick, der sich – angereichert vom Erkunden einer bildnerischen Sprache – auf das Ganze richtet und dessen Komplexität zu erfassen beginnt. Und man weiß, dass man sich auch neu darauf einlassen muss, wenn man der nächsten Zeichnung von Thomas Müller begegnet.

Thomas Müller, Ohne Titel, 2019, Bleistift, Ölfarbe, Tusche auf Fabriano Bütten, 196 x 140 cm, ©Thomas Müller
Thomas Müller, Ohne Titel, 2018, Bleistift, Ölfarbe, Tusche auf Fabriano Bütten, 196 x 140 cm, ©Thomas Müller

Michelangelo Pistoletto

1933 geboren in Biella, lebt in Turin

Drei Bildtafeln des italienischen Künstlers Michelangelo Pistoletto, einem der Hauptvertreter der Arte Povera: Sie bestehen aus schwarzem Siebdruck auf Spiegel, auf den äußeren Tafeln zwei Profilaufnahmen des Gesichts einer Frau, einander zugekehrt, dazwischen, auf Augenhöhe in der sonst leeren Fläche, ein kleiner Punkt. Offen bleibt, ob sich die beiden Konterfeis derselben Person gegenseitig anschauen, oder ob sich ihre Blicke auf die fokussierte Mitte konzentrieren. Sobald man ans Werk herantritt, erscheint das eigene Spiegelbild. Man sieht sich beim Betrachten selbst und reflektiert damit das Betrachten als solches. Zugleich ergänzt, vervollständigt man das Werk im Sinne Pistolettos, indem man es mit dem eigenen (Lebens-)Raum und seiner Wirklichkeit verknüpft.

Arnulf Rainer

1929 geboren in Baden bei Wien, lebt in Enzenkirchen (Oberösterreich) und auf Teneriffa

Zwei Kaltnadelradierungen von Arnulf Rainer aus dem Jahr 1978: Im Untergrund abgebildet sind Fotografien des Künstlers in Posen, die nicht eindeutig sind oder unverständlich erscheinen. Darüber liegen zahlreiche Striche, mit der Radiernadel kraftvoll und in schnellen Zügen in die Platte eingegraben. Im einen Blatt folgen sie der Körperhaltung, im andern bilden sie einen dichten Strahlenkranz um den Kopf.
Daneben ist ein Gemälde des Künstlers aus dem Jahr 1999 zu sehen mit einem flüchtig skizzierten Gesicht in der Mitte, umgeben von farbigen Schleiern. Wie könnte sich besser zeigen als in diesem Nebeneinander, dass Arnulf Rainers Geste der Übermalung grundsätzlich nicht nur ein Verbergen und Löschen ist, sondern auch ein Akt der des Hervorholens und der Auseinandersetzung.

Ausstellungsansicht Arnulf Rainer

Andy Denzler

1965 geboren in Zürich, lebt in Zürich

Bei den Arbeiten handelt es sich um Porträts oder Darstellungen von Menschen in einer unbestimmten Umgebung oder von Landschaft umfangen. Man sieht sie in ihrem Tun, in ihren Bewegungen verharren, festgehalten in Momentaufnahmen. In seiner malerischen Umsetzung der Motive folgt Andy Denzler zunächst einer realistisch geprägten Konzeption, vollzieht aber dann in der obersten Malschicht den für seine Arbeiten charakteristischen und entscheidenden Schritt horizontale Bahnen in die noch feuchte Ölfarbe zu ziehen. So, als wische er damit alles Zufällige des Momentanen aus, erhebt sich das Dargestellte auf eine andere, abstrakte Ebene von Zeit und Wirklichkeit.

Andy Denzler, East London #3, 2008, Öl auf Leinwand, 180 x 150 cm, ©Andy Denzler
Andy Denzler, Land in Sicht, 2010, Öl auf Leinwand, 140 x 120 cm, ©Andy Denzler
Ausstellungsansicht Andy Denzler und Stefan Mauck

Erdmut Bramke

1940 geboren in Kiel, 2002 verstorben in Stuttgart

Der Strich verrät die Bewegung der Hand beim Auftrag der Farbe auf die Leinwand: ein kurzes Streichen mit dem breiten Pinsel, keine Hiebe. Die Farbe verdünnt, unabhängig vom dunklen oder hellen Kolorit, immer zart. Ein vielfach wiederholtes Ansetzen, das Strich für Strich, Schicht für Schicht die eigene bildnerische Setzung in dialogische Verhältnisse bringt, sich in der Bildmitte verdichtet oder einer (dunklen) Lichtung im Innern Raum gibt. Die Arbeiten von Erdmut Bramke, die Mitte der 1980er Jahre entstanden sind, unterscheiden sich von ihren früheren Werken, die vom Duktus eines linearen Fortschreibens geprägt sind – damals oft in der Leserichtung von links oben nach rechts unten – und an ihren viel zitierten Satz denken lassen: sie schreibe ihre Bilder. Das geknüpfte Gefüge löst sich jetzt auf in ein bildfüllendes Flimmern, das einer Idee Raum gibt, einer Idee vom Sommer oder vom Wald bei Fontainebleau.

Erdmut Bramke, Wald bei Fontainebleau, 1986, Acryl auf Leinwand, 220 x 180 cm / Sommerbild 16, 1986, Acryl auf Leinwand, 180 x 220 cm / beide Abbildungen ©Nachlass Erdmut Bramke, Freunde der Staatsgalerie Stuttgart – Stuttgarter Galerieverein e. V., VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Spandita Malik

1995 geboren in Indien, lebt in New York

Die Frauen dürfen das Haus nicht verlassen. Sie bleiben von ihren Männern oder Vätern in der Wohnung eingesperrt. Oder die Angst zwingt sie zum isolierten Leben in ihren Zimmern; die Angst vor gewalttätigen Übergriffen draußen, eben weil sie Frauen sind in Indien. Ein geringes Einkommen verdienen sie sich mit traditionellen Stickereien, für die ihre Dörfer in Uttar Pradesh, Rajasthan und Punjab bekannt sind.
Die aus Indien stammende, in New York lebende Künstlerin Spandita Malik (*1995) hat die Frauen besucht. Aus dem Vorhaben, eine dokumentarische Fotoserie zu erstellen, entwickelte sich ein Kooperationsprojekt. Spandita Malik ließ die aufgenommenen Porträts auf einen für die Region charakteristischen Stoff drucken und gab sie den Frauen zurück mit der Bitte, sie nach eigenen Vorstellungen zu besticken. Die Werkserie trägt den Titel Nā́rī, was in Sanskrit „Frau“ bedeutet, ebenso ein weibliches Objekt bezeichnet oder auch „Opfer“ heißt.

Nuzrat Praween, 2019, Thermotransferdruck auf Schleier-Stoff, Weißstickerei, 92 x 109 cm, ©Spandita Malik
Kosar, 2019, Thermotransferdruck auf Khadi-Stoff, Gota Patti-Applikationen und Goldstickerei, 66 x 89 cm, ©Spandita Malik

Gunter Damisch

1958 geboren in Steyr, 2016 verstorben in Wien

Alles scheint in den farbintensiven Gemälden von Gunter Damisch zu schweben. Nichts ist festgehalten im Faktischen. Die Dimensionen physikalischer Größen verschieben sich vom Kleinen ins Große und umgekehrt. Kleinste mikrobiologische Formen sehen aus wie große Himmelskörper, dazwischen zeichenhafte Elemente, die Räume überspannen, sich ausdehnen, und die der Künstler selbst „Felder“, „Wege“, „Netze“ oder „Flimmern“ nannte. Jedes Bild wirkt wie ein Ausschnitt aus einer weiten kosmischen Welt, in der wohl vor allem eins von Bedeutung ist: dass dem Wachsen der Dinge und der Gedanken ein offener Raum gegeben werde.

Gunter Damisch, Rotfeldwelten untenoben, 1998, Öl auf Leinwand, 110 x 110 cm, ©Gunter Damisch
Gunter Damisch, Untenflimmern, 1998, Öl auf Leinwand, 110 x 110 cm, ©Gunter Damisch