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#RUNDGANG


Ebene 0 | James Rickard: Master Carver

Das besondere Interesse von Alison und Peter W. Klein an den polynesischen Rindenstoffen ist sicher durch ihre langjährige Auseinandersetzung mit den Bildwerken der Aborigines vorbereitet und wie bei denselben von einer persönlichen Faszination geleitet. Dennoch war es kein direkter Weg, der von Australien zu den polynesischen Inseln und den tapa-Stoffen führte. Vielmehr richtete sich ihr Augenmerk in Neuseeland zunächst auf die materielle Kultur der Maori, die vorwiegend in geschnitzten und gemalten Ornamenten an Gebäuden oder Gebrauchsbjekten sowie angesichts von Körpertätowierungen zum Ausdruck kommt. In Rotorua, südöstlich von Auckland auf der Nordinsel Neuseelands gelegen, fanden sie im Maori Arts and Crafts Institute eine zeitgenössische Einrichtung, in der das traditionelle Kunsthandwerk bis heute fortgeführt wird. Dort kam auch der Kontakt mit dem Meisterschnitzer James Rickard zustande, den sie mit der Herstellung einer Skulptur beauftragten. Sie wurde von Rickard als traditionelle Erinnerungsstele konzipiert und mit Aspekten der deutschen Geschichte verknüpft.

Ebene 1 | Zeitgenössische Malerei

Die Erwartung des Sammlerpaars, wie in Australien so auch in Neuseeland Gemälde mit bildhaften Spiegelungen der traditionellen Kultur des Landes vorzufinden, führte sie indes nicht zu traditionellen Artefakten, sondern zu zeitgenössischen Werken der bildenden Kunst.

Darryn George (*1970) ist in Christchurch in Neuseeland geboren und gehört zum Maori-Stamm der Napuhi. In seiner akademischen Ausbildung widmete er sich der westlichen abstrakten Malereitradition. Erst im weiteren Verlauf des Studiums bezog er seine bikulturelle Identität konzeptionell in seine Arbeit ein. Seit 2003 präsentiert er Gemälde, in denen er abstrakte Malerei sowie bildnerische und sprachliche Elemente der Maori-Kultur zusammenführt.

John Pule (*1962) ist auf der polynesischen Insel Niue geboren und als Kind mit seinen Eltern nach Auckland in Neuseeland gekommen. Er ist Schriftsteller und bildender Künstler. In seinen literarischen Werken, die seit den 1980er Jahren entstehen, spiegeln sich die Erfahrung von Migration und Fremdheit im neuen Land wider. Seinem ersten Besuch der Heimatinsel Niue im Jahr 1991 folgt eine intensive Auseinandersetzung mit deren spiritueller und materieller Kultur, wobei ihm die Rindenbaststoffeeinen wesentlichen Impuls für die Ausformulierung der eigenen Bildsprache vermittelten.

Ebene 2 | Tapa aus Samoa und Tonga

Aus Samoa und Tonga, wo die Rindenbaststoffe noch heute zu besonderen privaten und offiziellen Anlässen gefertigt werden und wichtiger Teil der kulturellen Identität sind, stammen Exponate mit kräftigen, durch Übermalungen akzentuierten Mustern. Auf Samoa werden die Rindenbaststofe als siapobenannt, auf der Basis von Matrizen ornamentiert als siapo elei, von Hand bemalt als siapo mamanu. Rasterförmige Strukturen sind kennzeichnend für beide Formen der Gestaltung.
Eine besondere Bedeutung kam den Rindenstoffen auf Samoa von alters her als Tausch- und Wertobjekt anlässlich von Geburten, Hochzeiten, Todesfällen und bei der Verleihung von Häuptlingstiteln zu. Bis heute gelten sie als herausragendes Geschenk für besondere Gäste oder für im Ausland lebende Familienmitglieder, sind unverzichtbar bei offiziellen und privaten Anlässen

Auf den Inseln des Tonga-Archipels wurden die tapa-Stoffe vorwiegend mit Hilfe von Mustertafeln oder Matrizen koloriert. Die Rindenbaststoffe wurden dabei über die erhabenen Stege gespannt und die Farbe mit getränkten Tüchern aufgebracht. Bei der weiteren Bearbeitung wurden besondere Aspekte der Muster akzentuiert oder weitere Elemente einfügt. Tonga ist die weltweit einzige Region, in der historische Ereignisse bei der Gestaltung von Rindenstoffen eingeflossen sind. So erinnern Spitfire-Darstellungen auf einem Stofffragment aus der Sammlung Klein an die Flugzeuge, welche die tonganische Königin zur Unterstützung der Engländer im Zweiten Weltkrieg erwarb. Rindenbaststoffe haben heute auf Tonga im alltäglichen Gebrauch keine Bedeutung mehr. Als Wertobjekte werden sie jedoch immer noch in großer Zahl und durchaus auch auf Vorrat hergestellt.

Ebene 3 | Niue, Fiji, Futuna

Dietapa-Kunst auf Niue ist nur zwischen 1865 und 1900 belegt. Gemusterte tapa-Stoffe kamen vermutlich erstmals mit samoanischen Missionaren auf die Insel. Die ersten eigenständigen Musterungen sind von tapa-Ponchos bekannt, die nach tahitischem Vorbild geschnitten sind.
Die Rindenbaststoffe aus Niue wurden ausschließlich von Hand bemalt, zunächst mit freien Kompositionen. Seit den 1880er Jahren und möglicherweise unter dem Einfluss einer lokalen Malschule entwickelten sich Bildstrukturen auf der Basis von Rastern. Welche Bedeutung diese Arbeiten im lokalen Kulturkontext hatten, ist bis heute nicht geklärt. Bereits um 1900 ist auf Niue die Herstellung von Rindenstoffen aufgegeben worden. Sie sind aber in Museen und Sammlungen erhalten geblieben und bis heute Inspiration für die Nachfahren.

Auf den Fiji-Inseln war der Gebrauch der Rindenstoffe – hier masi genannt – vielfältig. Sie wurden von Männern als Schamschurz oder Turban genutzt.  Geölt und geräuchert waren sie ein Häuptlingsabzeichen. Sie dienten als Moskitoschutz, aber auch als Fahnen, die Personen oder Waffen bei Tanz, Krieg und Festen schmückten oder als Tauschmedium innerhalb der Fiji-Gesellschaft, mit dem Beziehungen zwischen Häuptlingstümern besiegelt wurden.
Seit Jahrhunderten bestehende Beziehungen zwischen den einzelnen Fiji-Inseln, Tonga und Samoa haben die lokalen tapa-Traditionen beeinflusst. Für die Gestaltung gemusterter Stoffe nutzte man Schablonen, die aus Blättern geschnitten wurden. Mit ihrer Hilfe entstanden meist serielle Ornamente, die mit Streifen oder abstrahierten Naturformen kombiniert wurden.
Auch auf Fiji hat die Bedeutung der Tapa-Produktion abgenommen. Aber bis in die Gegenwart gibt es Anlässe, bei denen große Mengen des Stoffes präsentiert werden.

Die Bewohner von Futuna und seiner Nachbarinsel Alofi sprechen eine dem Samoanischen eng verwandte Sprache und bezeichnen Rindenbaststoffe ebenfalls als siapo. So kann nicht erstaunen, dass auch ein Teil ihrer tapa-Produktion dem samoanischen Vorbild folgt: Von zwei oder mehr Frauen in Gemeinschaftsarbeit hergestellte und miteinander verklebte Stoffe werden über Matrizen bedruckt und dann von Hand ausgemalt. Für die Verwendung als Tanzschurz – bis heute eindeutiges Identitätsmerkmal traditioneller Tanzgruppen – blieb ein unterer Querstreifen unbedruckt und wurde freihändig gestaltet. DieverwendetenOrnamente stehen dabei in ihrem ganzen Duktus in deutlichem Gegensatz zu der mit kräftigen Strichen ausgeführten Übermalung des vorbedruckten Stoffes.
Bei weiteren Mustern haben Flechtarbeiten von den mikronesischen Marshall-Inseln oder auch Teppiche europäischen Ursprungs Anregungen für äußerst differenzierte Bemalungen gegeben, die aus sehr komplexen Kompositionen von Mustern bestehen und zu den variantenreichsten Dekorformen des gesamten Pazifiks gehören.